Liebe Schwestern und Brüder,

in diesem Jahr fällt die Fronleichnamsprozession aus – leider: Keine prächtigen Züge durch unsere Städte und Dörfer, keine Blasmusik, keine Blumenteppiche, keine Altäre, keine festlichen Lieder.
Das ist auch für uns hier in Hamburg ein großer Verzicht. Jahr für Jahr zieht eine stattliche Fronleichnamsprozession durch das Sankt-Georgs-Viertel, nahe dem Hauptbahnhof. Manchmal sieht man den Menschen am Straßenrand, in den Cafés und Restaurants, am Fronleichnamsabend förmlich an, wie sie erstaunt sind, dass es so etwas im 21. Jahrhundert, mitten in der Großstadt Hamburg immer noch gibt. Das hätten sie nicht gedacht. Multikulti trifft hier zusammen, eine bunte Gesellschaft, Menschen aus vielen, vielen Nationen.



Deswegen ist es sehr hilfreich, dass die Liturgie dieses Fronleichnamsfestes uns auf eine ganz andere Prozession verweist, von der wir eben in der Lesung aus dem Buch Deuteronomium gehört haben. Sie kommt beileibe nicht so prächtig daher wie unsere Fronleichnamsprozessionen; sie ist ganz anders. Es ist der Zug des Volkes Israel durch die Wüste, also durch eine lebensferne, ja sogar lebensfeindliche Umwelt, durch einen gefährlichen Raum. Es ist die Rede von Nattern und von Skorpionen, und jeder von uns kann sich vorstellen, wie bedrohlich die Wüste für den Menschen werden kann, wenn er nicht mehr weiß, wo er ist, wenn er Hunger und Durst spürt.
Für das Volk Israel ist diese Wüstenwanderung ein Schlüsselereignis seiner Geschichte. Es wandert aus dem Sklavenhaus in Ägypten heraus, durch die Wüste, durch das Meer ins Gelobte Land hinein. Es ist die Befreiung des Volkes Israel schlechthin. Diese alte Erzählung könnte uns gerade in diesen Corona-Zeiten weiterhelfen.

Kommt sich nicht in dieser Zeit der eine oder andere von uns wie in der Wüste vor? Da ist sozusagen nichts drum herum; Corona fährt unser Leben ziemlich herunter. Vieles, was wir vorher wie selbstverständlich genommen haben, fällt weg: Beruf und Schule, Kita, Sport, Kultur, Feste, Urlaub, Sitzungen, Vorträge…

Liebe Schwestern und Brüder, ich habe zum Pfingstfest alle Katholiken in unserem Erzbistum Hamburg angeschrieben und sie gebeten, mir doch zurückzuschreiben, zu mailen, irgendwie zu erzählen, wie sie diese Zeit erleben. Ich bekomme viele Rückmeldungen, für die ich sehr dankbar bin.

Einer ist dankbar für die Nachbarn, die einige Besorgungen übernehmen; andere freuen sich über Anrufe oder Briefe. Einige trauern über den Tod des Ehepartners und haben gerade eine tröstende Umarmung oder wenigstens einen Händedruck vermisst. Corona macht die schmerzliche Trennung von anderen Menschen nur noch bewusster. Da berichtet eine 96jährige Dame von ihrem Geburtstag: Sie hat ihn auf dem Balkon gefeiert; die Gäste habe im Hof gesungen und Luftballons aufsteigen lassen. Ich könnte Ihnen noch vieles erzählen.

Wenn ich es auf einen Begriff bringen sollte, was all diese Rückmeldungen miteinander verbindet, dann ist das klar: Beziehung. Wir sehnen uns nach Beziehung und vermissen sie jetzt in der gewohnten Weise sehr.

Wir Menschen sind Beziehungswesen. Wir brauchen Beziehungen, Freundschaften, Nähe, Kontakte. Wir brauchen sie nicht nur als Empfangende, sondern wir leben auch davon, dass wir solche Beziehungen schenken.

Das Gemälde von Sieger Köder zeigt uns auch eine bunte Gesellschaft, Junge und Alte, Frauen und Männer, Schwarze und Weiße, In-Sich-Gekehrte und Aufgeweckte, Traurige und Frohe, selbst einen Narr. Das Bild regt meine Sehnsucht nach einer solchen Gemeinschaft an, nach einer Vielfalt von Begegnungen, aber auch einer Tiefe. Eigentlich würde ich mich gerne zu ihnen an den Tisch setzen. Da wäre noch Platz für Sie und mich!

„Das Mahl mit den Sündern“ hat der Künstler sein Bild betitelt. Der Schlüssel zu dem Bild ist ein wenig versteckt: Ganz unscheinbar sehen wir am unteren Bildrand geöffnete Hände. Es wirkt so, als würden die sieben Personen genau auf den schauen, der unsichtbar am Tisch sitzt, sich öffnet und das Brot austeilt. Geöffnete Hände und ausgeteiltes Brot, das führt mich am heutigen Fronleichnamsfest zum Gründonnerstag zurück, zu jenem allerletzten Mahl, das Jesus feiert: „Mein Leib, mein Blut – das bin ich – für euch“.

Dargestellt meist als Festtafel mit Jesus in der Mitte, umrahmt von seinen Jüngern zu beiden Seiten. Hier aber ist es radikal anders. Hier schauen wir als Bild-Betrachter mit den Augen Jesu auf diese bunte Tischgemeinschaft. Wir dürfen seine Perspektive einnehmen, mit seinem Blick auf die Menschen schauen, mit seinen Ohren ihre Geschichten hören.

So ist in diesem Bild eine doppelte Blickrichtung und Perspektive verdeutlicht: Die Menschen schauen Jesus Christus an und er schaut auf die Sieben und lädt sie ein. Kurz vor dem Ende seines irdisch-menschlichen Lebens lädt er zum versöhnenden gemeinsamen Essen ein. Wie sehnen wir uns in diesen Monaten der Entbehrungen nach solch einem Fest am gemeinsamen Tisch, an dem jeder und jede seinen und ihren Platz hat. Gerade in diesen Tagen denke ich an den Menschen aus Afrika, rechts im Bild, und der erinnert mich an George Floyd, der ums Leben gekommen ist, Kein einziger Mensch darf unterdrückt werden, sondern hat seinen ihm von Gott eröffneten Platz in dieser Welt! Das ist ein Trost für uns heute und ein Hoffnungsbild gerade für unsere Zeit.

Am Ende des heutigen Gottesdienstes werde ich Sie mit der Hostie, dem gewandelten Brot, in der Monstranz segnen. Wir können keine große Prozession halten, aber ich werde mit der Monstranz zuerst zur Domschule gehen. Das setzt sich dann in der Kita fort, im Dom und um den Dom herum mit der Domgemeinde und den fremdsprachigen Missionen bis zum Abend. Es geschieht dann, was das Bild zeigt: Christus schaut uns an; wir schauen ihn an. Wir haben einander im Blick. Das ist eucharistische Anbetung!

Amen.