Eine offene Debatte auf Augenhöhe prägte die erste Synodalversammlung

Die erste Vollversammlung der Delegierten des Synodalen Wegs hat getagt. Sie wurde per livestream in alle Welt übertragen und entsprechend rasch und vielfältig kommentiert. Es entstanden Interviews und Portraits zahlreicher Synodaler, besonders der jungen Teilnehmer. Der Synodale Weg hat ein anderes Gesicht als bisherige Bischofs- oder Diözesansynoden: Es ist bunter, vielfältiger, jünger und weiblicher.

Was zeichnete diese erste Plenarversammlung aus? Ein Wort zieht sich durch viele Kommentare: Freimut. Tatsächlich: Ungewohnt viele Stimmen kamen zu Wort und sie sprachen klar und deutlich: Von der „Täterkirche“ war die Re-de, von der Empörung über die kirchliche Diskriminierung von Frauen, vom demütigenden kirchlichen Umgang mit Homosexuellen, von struktureller Überforderung der Priester, die vor ihrer Weihe gehypt und danach verheizt werden, von der kaum mehr zu ertragenden Ungeduld der Gläubigen, dass sich endlich etwas bewege.

Kontrovers, aber respektvoll

Solch offene Debatte, die zwar kontrovers, aber immer respektvoll verlief, gefiel natürlich nicht allen. Wo der eine „eine großartige Zukunftswerkstatt“ erkannte, sah der andere Verrat an den Grundfesten des Glaubens. Was der eine als „Zeugnis echter Katholizität“ erlebte, diskreditierte der andere als „protestantisches Kirchenparlament“. Dass sich natürlich auch die katholische Kirche in einer „Welt der Freiheit“ bewähren muss, konnte der eine frohgemut bejahen, während andere beantragten, Diskussionsbeiträge nur zuzulassen, wenn sie der Lehre der Kirche entsprechen. Während der eine die moralische Verbindlichkeit einer Mehrheitsentscheidung betonte, setzte der andere auf formale Autorität: „Laien beraten, Bischöfe entscheiden.“

Klare Worte finden Beifall

In den Debatten selbst war von innerer Zensur aber nichts zu spüren, obgleich von der Angst, in der Kirche frei zu reden, häufig die Rede war und alle kirchlichen Mitarbeiter ihre Dienstvorgesetzten im Raum wussten. Und noch etwas war neu: Wenn „Laien“ sprachen, taten sie dies nicht auf Geheiß der Bischöfe, sondern als vollwertige Synodale. Ihr Wort galt in der Debatte so viel wie das eines Bischofs oder Kardinals. Was zählte, war die Kraft des Arguments, das Gewicht der Erfahrung und die Qualität der Expertise. Pastorale Floskeln und Katechismuswissen fanden entsprechend wenig Beifall; das authentische klare Wort umso mehr. Das war für viele ungewohnt, aber auch befreiend.

„Die gute Erfahrung aus Frankfurt“

So ist die Bilanz der meisten Teilnehmer und Beobachter sehr positiv. Gott sei Dank, denn nichts zermürbt Motivation und Engagement der Gläubigen stärker als der Eindruck, von Priestern und Bischöfen nicht ernstgenommen, sondern belehrt und im Wortsinn abgekanzelt zu werden. Umso wichtiger ist den Teilnehmern des Synodalen Wegs die gute Erfahrung aus Frankfurt, dass man auch in der katholischen Kirche ernsthaft miteinander reden und aufrichtig um Antworten auf Fragen unserer Zeit ringen kann. Die Erfahrung, dass keiner alles weiß, aber auch niemand nichts. Dass der gemeinsame Weg im gemeinsamen Gehen entsteht und entstehen darf. Dass Glaubwürdigkeit ohne Freimut, ohne das offene Wort nicht zu haben ist.

Julia Knop, In: Pfarrbriefservice.de

Dr. theol. Julia Knop (geb. 1977) ist Professorin für Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt und Mitglied der Synodalversammlung sowie des Synodalforums „Macht und Gewaltenteilung in der Kirche“.

Der Synodale Weg

Der Synodale Weg ist ein Gesprächsprozess innerhalb der katholischen Kirche in Deutschland. Er soll der Aufarbeitung von Fragen dienen, die sich im Herbst 2018 nach der Veröffentlichung der MHG-Studie über sexuellen Missbrauch in der Kirche ergeben haben. Die Deutsche Bischofskonferenz und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken verantworten gemeinsam diesen Prozess, der auf zwei Jahre angelegt ist und am 1. Dezember 2019 eröffnet wurde. www.synodalerweg.de