Liebe Schwestern und Brüder im Erzbistum Hamburg,

seit meinem Dienstbeginn als Ihr Erzbischof im Jahre 2003 habe ich Ihnen regelmäßig zur österlichen Bußzeit einen Brief geschrieben. Das tue ich jetzt zum letzen Mal.

In Kürze wird Papst Franziskus mich von meinem Dienst entpflichten. So wie das nach Vollendung des fünfundsiebzigsten Lebensjahres im Kirchenrecht vorgesehen ist.

1. Dank

Ich beginne meinen Brief mit einem herzlichen Wort des Dankes an Sie. Ich danke Ihnen, dass Sie unsere katholische Kirche im Norden mitgestalten. Sei es durch die Mitfeier der Gottesdienste und durch Ihr Gebet, sowie durch Mitverantwortung in Gemeinden, Verbänden und Einrichtungen.

Und ich bin Ihnen auch dankbar dafür, dass Sie in der Kirche bleiben. Denn auch wenn die Gesamtzahl der Katholiken in unserem Erzbistum wächst, so ist doch die Zahl der Kirchenaustritte hoch. Ja, sie ist zu hoch, so lange es noch einen einzigen Menschen gibt, der aus der Kirche austritt.

Vielleicht fühlen auch Sie sich manchmal angesprochen von dem Wort Jesu an seine Jünger: „Wollt auch ihr weggehen?" (Joh 6,67). Ich möchte Sie an die Antwort des Petrus erinnern, damit Sie diese auch zu Ihrer eigenen Antwort machen: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens" (Joh 6,68).

Ich danke Ihnen auch für die vielen nicht zu zählenden Begegnungen. Vor allem in den Gottesdiensten war mir immer bewusst: Wir bilden eine große Gemeinschaft mit Gott und untereinander. Diese kann sogar den Tod überdauern.

Mein Dank gilt den Mitbrüdern und allen Ordenschristen. Gern habe ich deren Freude an der Berufung geteilt und deren Sorgen und Nöte mitgetragen.

Dankbar bin ich den vielen Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen in unserem Erzbistum. In Seelsorge, Schule, Beratungsstellen und Kitas sowie in den vielen anderen Einrichtungen und in den Verbänden sind Sie unverzichtbar. Ebenso in den Gremien und vielen anderen freiwilligen Diensten.

Ich hoffe, dass es für mich nicht einen einzigen Tag gegeben hat, an dem ich nicht meinen Dank und meine Bitte für Sie alle vor Gott getragen habe.

2. Die großen Veränderungen

Unsere Zeit erfährt rasante Veränderungen. Das gilt für Bereiche wie Wirtschaft, Technik und Wissenschaft. Das gilt auch für die Kirche.

Veränderungen im religiösen Bereich sind immer große Herausforderungen. Wir hängen oft mit Recht am Gewohnten.

„Wenn sich so viel in unserer Umgebung verändert, dann soll doch wenigstens die Kirche so bleiben, wie sie immer war", höre ich gelegentlich.

Ja, die Kirche bleibt so, wie sie seit der Verkündigung der Apostel und seit den ersten Christengemeinden ist. Evangelium und Nächstenliebe, Sakramente und Gebet sind und bleiben tragende Säulen. Aber die Formen unseres Zusammenlebens in Gemeinde und Dekanat ändern sich. Aus mehreren Gemeinden wird eine Pfarrei im Pastoralen Raum. Die ersten Pastoralen Räume werden nach dreijähriger Vorbereitungszeit in diesem Jahr an den Start gehen. Die anderen werden in den kommenden Jahren folgen.

Schon die äußere Veränderung ist groß. Größer noch die innere Veränderung, auch für Sie persönlich. Denn in unserer säkularisierten Gesellschaft sind alle aufgerufen, die eigene Berufung, die durch Taufe und Firmung gegeben ist, noch stärker zu erkennen und zu leben. Wenn das mit der Gnade Gottes und mit unserer Bereitschaft gelingt, wächst im Pastoralen Raum intensives Leben mit Glaube, Hoffnung und Liebe.

3. Drei große Päpste

Während der elf Jahre, in denen ich Ihnen als Erzbischof dienen durfte, haben drei Päpste der Weltkirche gedient. Papst Johannes Paul II. hat uns den Blick für Europa und die Welt geöffnet. Mit ihm sind wir noch mehr Weltkirche geworden. Diesen Blick in die Weite hat Papst Benedikt in die Tiefe geführt. Wir verdanken ihm geistliche Einblicke, die auch künftige Generationen begeistern werden. Ich meine das durchaus im Sinne des Heiligen Geistes.

Und jetzt Papst Franziskus. Sein Schreiben mit dem Titel „Freude am Evangelium" ist wie ein Wegweiser. Er zeigt uns, dass wir im Evangelium einen Schatz haben, der nicht trügen kann (265) und dass alle Getauften missionarische Jünger sind (120).

Als ich kürzlich bei Papst Franziskus war, hat mich seine zugewandte, unkomplizierte Art besonders froh gemacht. Er blickt auf Kirche und Welt mit den Augen eines Lateinamerikaners. In seiner Heimtat gibt es neben wenigen Reichen äußerste Armut. Und diese Armen sind unsere Brüder und Schwestern.

4. Die Armen in unserer Zeit

Als Christen sind wir nicht Wutbürger, die sich über alles Mögliche aufregen. Christen sind Weltbürger. Uns prägt das Bewusstsein, dass die Menschen auf der Welt zusammengehören und sich gegenseitig unterstützen. Deshalb ist es unsere Aufgabe, die Kluft zwischen Armen und Reichen, Hungernden und Wohlgenährten, Obdachlosen und Hausbewohnern zu verringern. Und das weltweit.

Vierzehn Jahre habe ich in Deutschland unser Bischöfliches Hilfswerk Misereor geleitet. Mit diesem Werk der Nächstenliebe, der Entwicklungshilfe und der Verantwortung für die Schöpfung haben wir einen direkten Draht zu den Armen. Zwei Wochen vor Ostern, am fünften Fastensonntag, ist wieder die große Misereorkollekte. Wir können helfen!

Jährlich gibt es eine internationale Untersuchung, in welchen Ländern am meisten gespendet wird. Was schätzen Sie, welchen Rang Deutschland einnimmt? Es ist Platz siebenundzwanzig. England und Amerika liegen vor uns. Aber auch weitaus ärmere Länder wie Indonesien oder Paraguay. Dagegen liegen wir in Deutschland bei Rüstungsexporten auf Platz drei. Das lässt mir keine Ruhe.

5. Worauf es ankommt

Kürzlich sagte mir ein Jugendlicher. „Ihre Predigt heute habe ich schon öfter gehört, das war für mich nichts Neues."

Auf meinen fragenden Blick hin meinte er: „Das mit dem Kreuzzeichen haben Sie schon mal gesagt."

Der Junge hat Recht.

Nach meiner Einführung im Hamburger Mariendom im Januar 2003 fragte mich jemand: „Was möchten Sie als Erzbischof erreichen?" Er dachte offenbar an Bauwerke oder an die Gründung von Aktionen oder Einrichtungen.

Meine Antwort damals: „Ich möchte Menschen zum Glauben führen und im Glauben bestärken." Deshalb habe ich in den elf Jahren oft darauf hingewiesen, wie sinnvoll es ist, den Tag mit dem Kreuzzeichen zu beginnen.

„Nur ein Kreuzzeichen", fragte jemand? Es dürfen auch noch Bitte und Dank dazukommen. Aber wenigstens das Kreuzzeichen. Dann steht der neue Tag unter einem guten Vorzeichen.

Diese Anregung zum täglichen Kreuzzeichen habe ich oft in Predigten und Gesprächen wiederholt. Manchmal flüstert mir jemand zu: „Ich denke immer noch an das tägliche Kreuzzeichen."

Selbstverständlich erschöpft sich darin nicht das Christsein. Aber es macht bewusst, wer ich bin: Kind Gottes. Also in Verbindung mit Vater, Sohn und Heiligem Geist. Je mehr mich das prägt, umso mehr kann ich meinen Auftrag in der Welt erfüllen. Desto mehr weiß ich auch, wie sehr ich die Kraft der Sakramente in der Gemeinschaft der Glaubenden brauche.

6. Ausblick

Liebe Schwestern und Brüder, dieser Fastenbrief ist zwar mein letzter an Sie. Aber er ist kein Abschiedsbrief. Ich bleibe im Norden und suche mir in Hamburg eine Wohnung. Meinem Nachfolger kann ich vielleicht noch etwas behilflich sein, vor allem in der Feier der Gottesdienste. So hat es mein lieber Vorgänger, Erzbischof Ludwig Averkamp, getan. So will ich es auch halten.

Herzlich bitte ich Sie um Ihr Gebet für meinen Nachfolger. Es wird wohl längere Zeit dauern, bis er vom Domkapitel gewählt und vom Papst ernannt wird. In der Zwischenzeit wird unser Erzbistum von einem Diözesanadministrator geleitet, den ebenfalls unser Domkapitel wählen wird.

Gottes Segen begleite Sie alle, die Jungen und Alten, die Gesunden und Kranken, die Fröhlichen und die Traurigen: Der Segen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

 

Hamburg, 3. Februar, am Fest des Heiligen Ansgar, dem Gründer und Patron unseres Erzbistums

Ihr + Werner, Erzbischof von Hamburg