Hirtenbrief von Erzbischof Werner
zur österlichen Bußzeit 2013 im Jahr des Glaubens

Liebe Schwestern und Brüder im Erzbistum Hamburg,

im Oktober vergangenen Jahres habe ich Ihnen einen Brief geschrieben zum Jahr des Glaubens. Dieses begann mit dem Konzilsjubiläum und dauert noch bis zum letzten Sonntag des Kirchenjahres Ende November. Über die vielen Rückäußerungen zu meinem Brief habe ich mich gefreut. Gern greife ich einige davon in diesem Fastenbrief auf.

 
1. Glaube und Zweifel

Einer schrieb mir: "Entweder man hat seinen Glauben oder man hat ihn nicht." Daraus spricht die richtige Überzeugung, dass Glaube mit Entschiedenheit zu tun hat. Entweder – oder.
Mir geht dabei aber auch durch den Sinn, dass jemand anders äußerte, er komme sich manchmal sehr gläubig vor und dann aber auch wieder ziemlich ungläubig.
Dieser Erfahrung begegne ich häufiger: Dass manche ihres Glaubens gar nicht so sicher sind. Dass zum Glauben auch der Zweifel gehören kann.
Der Zweifel ist der dunkle Bruder des Glaubens. Er kann vom Glauben abhalten. Er kann aber auch ein tieferes Eindringen in den Glauben anstoßen. Zweifel sind oft Wachstumskrisen des Glaubens.
In früheren Zeiten wurden Unsicherheiten oder Zweifel oft überbrückt durch die Glaubenspraxis der anderen. Die ganze Familie und manche Freunde und Bekannte machten in der Kirche mit. Da schloss man sich nicht so schnell aus. Und irgendwann war die Unsicherheit überwunden.
Heute steht jeder ganz persönlich vor der Frage, ob und wie er seinen Glauben leben will. Ohne beständiges Einüben bekommt der Glaube zu wenig Nahrung. Dann kann er leicht verkümmern. Das ist ähnlich wie im Sport. Ohne Training kein Weiterkommen.


2. Glaube braucht Riten

"Und was kann ich tun?" fragt in diesem Zusammenhang jemand.
Einer schreibt: "Ich habe Ihre Anregung aufgegriffen, jeden Tag mit dem Kreuzzeichen zu beginnen." Und er fährt fort: "Das ist für mich ebenso selbstverständlich geworden wie der Abschiedskuss für meine Frau, bevor wir uns auf dem Weg zur Arbeit trennen."
Darin steckt die Einsicht, dass wir Menschen Riten brauchen, gute Gewohnheiten, an die wir uns halten, ohne sie ständig infrage zu stellen.
Das gilt auch für unsere Beziehung zu Gott. Morgengebet, Abend- und Tischgebet sowie die Sonntagsmesse waren als Riten einmal selbstverständlich. Ohne solche guten Gewohnheiten zerrinnt unser religiöses Leben. Dabei lässt sich dann die Erfahrung machen, dass praktizierte gute Gewohnheiten das Wachsen des Glaubens fördern. Auch wenn sie nicht immer mit letzter persönlicher Anteilnahme vollzogen werden können. Im Rückblick sagt dann jemand: "Auch wenn ich dabei manchmal gelangweilt oder gedankenlos bin, ich spüre jetzt: So ist es richtig."
Darin zeigt sich die Einsicht: Nicht die Erfahrung führt direkt zum Glauben. Aber der Glaubende macht Erfahrungen. Es sind ermutigende Erfahrungen, die dann zu der Aussage führen: So ist es richtig, so kommt mein religiöses Leben in Schwung.


3. Glaube ist Beziehung

Der Glaube ist Beziehung zu Gott. Er braucht, wie auch jede menschliche Beziehung, Ausdrucksformen, um lebendig zu sein und um sich weiter entfalten zu können.
Welche Ausdrucksformen des Glaubens praktiziere ich? Welche möchte ich praktizieren? Das kann eine wichtige Frage sein im Jahr des Glaubens.
Der Heilige Augustinus sagt: "Der Mensch ist ein großes Rätsel und ein tiefer Abgrund" (1). Viele Rätsel des Menschen lassen sich lösen. Aber der Abgrund, die Tiefe des Menschen, bleibt Geheimnis.
Denn die Tiefe des Menschen hat mit Gott zu tun. Wenn ich vor dieser abgründigen Tiefe immer nur weglaufe, indem ich mich entweder in Arbeit stürze oder in Zerstreuung flüchte, komme ich nicht zum Kern meines Lebens.
Wenn ich nach dem Geheimnis frage, das ich in der Tiefe meines Wesens mir selbst bin, dann kommt die Frage nach Gott wie von selbst ins Spiel. Der Glaube sucht und findet Antworten auf diese Frage.
Wir können uns in Deutschland ohne gewaltsame Bedrohung solchen Fragen stellen. Das ist nicht überall auf der Welt so. Im Nahen und Mittleren Osten und in Nigeria müssen Christen um ihr Leben bangen. Und zwar nur deshalb, weil sie praktizierende Christen sind.
Mich beschäftigt die Frage: Wie würdest du zu deinem Glauben stehen, wenn er dich in Lebensgefahr brächte?
Ich denke dabei an unsere vier Lübecker Märtyrer oder an den Märtyrer Erzbischof Romero und viele andere Glaubenszeugen aus der jüngeren Kirchengeschichte.


4. Glaube ist Lebensqualität

Einer schreibt mir sinngemäß: "Der Glaube ist für mich zu einer Lebensqualität geworden, auf die ich nicht mehr verzichten möchte."
Dazu erklärt er: "Diese Lebensqualität hat für mich zu tun mit Freude an der Schöpfung, auch wenn sie immer wieder gefährdet ist. Mit Dankbarkeit für das eigene Leben und das Leben meiner Familie und Freunde, auch wenn ich mir manches anders wünsche. Mit Zustimmung zum Alltag, auch wenn er oft nervt.
Und vor allem sehe ich als gläubiger Mensch, dass mein Leben ein Ziel hat, dass die jetzige Gemeinschaft mit Gott einmündet in die ewige Gemeinschaft mit ihm."


5. Glaube und Beten

Mehrere Rückäußerungen gab es zum Thema Beten.
Der Heilige Augustinus sagt: "Das Gebet ist die Übung der Sehnsucht" (2). Und dann legt er dar, dass das Herz des Menschen oft zu eng ist für die Gaben Gottes. Deshalb muss das Herz geweitet werden. Indem Gott die Gabe, die er selbst ist, aufschiebt, verstärkt er unser Verlangen. Er weitet dadurch unser Herz und macht es aufnahmefähig für Gott.
Können wir über unser persönliches Beten offen miteinander sprechen? Bei dieser Frage muss ich an meinen lieben Vorgänger, Erzbischof Ludwig Averkamp, denken. Am 24. Februar sind es vierzig Jahre her, seit er die Bischofsweihe empfing (3). Zurzeit kämpft er mit den Folgen eines Schlaganfalls. Er ist dabei ein Vorbild an Geduld und Zuversicht.
Erzbischof Ludwig erzählt gern folgende Begebenheit. In seiner Gebetsschule, die er an verschiedenen Orten unseres Erzbistums durchführte, hielt er mit allen, die teilnahmen, Einzelgespräche.
Eine Frau erklärt: "Ich würde so gern mit meinem Mann gemeinsam beten, aber mein Mann betet leider nicht." Später kommt der Mann dieser Frau zum Gespräch. Er sagt: "Ich würde so gerne mit meiner Frau beten, aber sie betet nicht. Deshalb muss ich das immer still für mich alleine tun."
Da leben zwei Menschen in guter Partnerschaft zusammen. Aber über die Frage ihres Betens haben sie nie miteinander gesprochen.
Es tut gut, sich darüber auszutauschen, wie wir beten. Nicht nur unter Eheleuten, auch in den Gruppen unserer Gemeinden, in Gesprächskreisen und vielleicht auch einfach so unter Freundinnen und Freunden.
Natürlich erfordert das ein hohes Maß an Diskretion und eine vertrauensvolle Atmosphäre. Aber dann kann es sich ereignen, was ein russischer Dichter in die Worte kleidet: "Und Seelen sind wie Kerzen, die sich einander anzünden" (4).


6. Glaube und Fastenopfer

Zum Schluss lege ich Ihnen noch unser Hilfswerk Misereor ans Herz. Die Fastenzeit ist ja Misereorzeit. Bei Besuchen in Südamerika, Afrika und Asien erlebe ich, wie groß die Not ist und dass wirksame Hilfe möglich ist.
Helfen Sie mit in der Fastenaktion, damit Hunger und Krankheit eingedämmt werden können. Solche Hilfe, die aus dem Glauben an die Menschenfreundlichkeit Gottes heraus geschieht, stärkt auch den eigenen Glauben. Und Ihre Hilfe kommt an. Das kann ich versichern.
Liebe Schwestern, liebe Brüder, im Jahr des Glaubens wünsche ich Ihnen gute Erfahrungen mit der Intensivierung Ihrer Glaubenspraxis. Der Glaube ist wie ein immer neues Samenkorn im Menschen. Es entfaltet sich, wenn wir gute Wachstumsbedingungen bereit stellen.

Mit herzlichen Segenswünschen
Ihr † Werner
Erzbischof von Hamburg

Hamburg, am Fest der Erscheinung des Herrn 2013

(1) Augustinus, Bekenntnisse, IV. 4,9 und 14,22
(2) Augustinus, Predigt zum 1. Johannesbrief; vgl. Benedikt XVI., Leidenschaft für die Wahrheit, Augsburg 2009, 115
(3) Zur Zeit der Abfassung dieses Briefes ist noch ungewiss, ob zum 40jährigen Bischofsjubiläum von Erzbischof Ludwig eine größere Feier stattfinden kann.
(4) Gennadij Ajgi, Immer anders auf der Erde, Gedichte, Leipzig 2009, 129