Liebe Schwestern und Brüder im Erzbistum Hamburg,

in einer Erzählung von Franz Kafka treibt sich ein Mensch jahrelang vor einer Tür herum. Er will unbedingt eintreten und versucht es immer wieder. Aber da ist ein anderer, der steht vor der Tür und verwehrt ihm den Zutritt. Wie ein Kontrolleur vor einem Tanzlokal. Nach langer Zeit beendet der Türwächter diesen Vorgang mit den Worten: ,,Diese Tür war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe sie."

,,Tür des Glaubens" - das ist ein wichtiges Stichwort für Papst Benedikt in seiner Botschaft zum Jahr des Glaubens. Jeder Mensch ist eingeladen, durch diese Tür hindurchzugehen. Aber wie in Kafkas Erzählung gibt es Hindernisse, die das Durchschreiten der Glaubenstür erschweren oder gar unmöglich machen.

Können Sie sagen, was es Ihnen schwer macht, Ihren Glauben froh und dankbar zu leben?

Manche Erfahrung wird Ihnen in den Sinn kommen. Es gibt so viel Menschliches in der Kirche, auch Unzulängliches und Sündhaftes. Das können Hindernisse für den Glauben sein.

Aber soll ich mir die Freude am Glauben dadurch verderben lassen? Ich lasse mir doch auch nicht die Freude am Sport verderben, nur weil es dort Ereignisse und Mitspieler gibt, die mich stören.

Entscheidend ist doch: Gott bietet mir seine Gemeinschaft an.

Und wie geht das? Mit dieser Frage wenden sich schon die Menschen im Evangelium an Jesus. Dessen Antwort gilt auch heute. Jesus sagt: ,,Das ist das Werk Gottes, dass ihr glaubt" (vgl. Joh 6,29).

In diesem kurzen Satz Jesu stecken zwei Hinweise.

Der erste Hinweis: Mein Glaube ist gar nicht mein Werk, sondern das Werk Gottes. Ich kann meinen Glauben nicht machen. Er ist Geschenk Gottes an mich

Der zweite Hinweis: So sehr es richtig ist, dass der Glaube Werk Gottes ist, Geschenk ist, Gnade ist, so sehr gilt auch: Ich habe die Freiheit, Ja oder Nein zu sagen zu diesem Geschenk. Ich kann es annehmen oder ablehnen.

Wenn ich es richtig wahrnehme, ist der persönliche Glaube an Gott fast das letzte Tabu in unserer Gesellschaft. Viele, auch intime Fragen, werden in Talkshows an die Öffentlichkeit gezerrt. Wenn es um den Glauben an Gott geht, herrscht oft peinliches

Schweigen. Oder über den Glauben wird in verzerrter Weise gesprochen.

Vielleicht liegt es daran, dass der Glaube an die tiefsten Bereiche des Menschen rührt, An die Frage nach seinem Woher und Wohin, nach Sinn und ZieI der Existenz, nach dem Vergänglichen und nach dem Bleibenden im Leben.

Es hat wohl auch damit zu tun, dass der Glaube nie abgehakt werden kann, nie erledigt ist. Der Glaube ist ein Weg mit Höhen und Tiefen, mit quälenden Verunsicherungen und mit seliger Gewissheit. Anders als ein mathematischer Beweis oder ein physikalisches Experiment ist der Glaube nie abgeschlossen solange das Leben dauert.

Ich finde den Glauben an Gott auch deshalb so faszinierend, weil er nicht nach einem Teilbereich fragt, sondern nach dem Ganzen des Lebens. Das gehört für mich zum Menschen unbedingt dazu.

Kürzlich sagte mir jemand: ,,Ach wissen Sie, Glaube und Kirche haben zurzeit keine Konjunktur". Vielleicht hat er Recht.

Aber ich will ja meinen Glauben nicht dem unterwerfen, was gerade Mode ist. Gewiss gingen vor Jahren mehr Menschen zu den Sakramenten. Auch das Ansehen der Kirche war größer. Aber soll ich davon meinen Glauben abhängig machen?

Das Jahr des Glaubens, das am 10. Oktober 2012 mit dem fünfzigjährigen Jubiläum des Konzils beginnt, ist eine Einladung an Sie, auf Ihren persönlichen Glaubensweg zu schauen. Dazu gebe ich Ihnen abschließend sieben Hinweise.

1. Ähnlich wie eine Freundschaft Gespräch und Begegnung braucht, so braucht der Glaube das Gebet und die Sakramente.

2. Der Glaube zielt auf eine positive Lebenseinstellung. Gott will an hellen und auch an dunklen Tagen an unserer Seite sein. Wer glaubt ist nicht allein.

3. ,,Der Glaube ohne Werke ist tot", heißt es in der Bibel (vgl. Jak 2,17). An welchen Taten können andere ablesen, dass ich ein gläubiger Mensch bin?

4. Glauben verlangt nach Wissen. Mit dem fünfzigjährigen Konzilsjubiläum feiern wir auch das zwanzigjährige Jubiläum der Katechismus. Papst Benedikt nennt ihn ,,eine der wichtigsten Früchte" des Konzils. Inzwischen gibt es ihn auch in einer jugendgemäßen Ausgabe.

5. Dem persönlichen Glauben tut auch gemeinsames Sprechen über Glaubensfragen gut. in unserem Dialogprozess kommen wir über die Fragen des Glaubens ins Gespräch, die Sie in den vergangenen Monaten eingereicht haben.

6. Auch außerhalb unserer Gemeinden gibt es viele Möglichkeiten, den Glauben einzuüben. Auf diese möchte ich Sie hinweisen.

7. Es gibt zum Jahr des Glaubens viele Anregungen und Veranstaltungen. Mir liegt daran, dass Sie darüber informiert sind.

Zu diesen sieben Punkten finden Sie im Bistumsheft zum Jahr des Glaubens weiterführende Anmerkungen.

Liebe Schwestern, liebe Brüder, ich lade Sie ein, das Jahr des Glaubens so mitzufeiern, dass sich Ihr Glaube weiter entfalten kann. Ich wünsche Ihnen die Erfahrung, welch unvergleichliche Lebensqualität unser Glaube für Sie bereithält.

Es gibt lhre ganz persönliche Tür zum Glauben. Sie gilt es zu durchschreiten. Auch wenn da manchmal wie in der Erzählung von Franz Kafka Hindernisse sind, die Sie davon abhalten wollen.

Von Herzen wünsche ich Ihnen, dass Sie die Titel durchschreiten und dass dabei ihre Freude am Glauben wächst.

Ihr Erzbischof + Werner


Externe Links zum Jahr des Glaubens: